Überall im Ruhrgebiet entstehen kreative Milieus, in denen Kunst, Kultur und Wirtschaft auf dynamische Weise verschmelzen. Das Landesprogramm Kreativ.Quartiere Ruhr fördert gezielt Projekte, die aus dem Viertel heraus Impulse für eine nachhaltige Stadtentwicklung setzen.
Kaum eine Region hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten so tiefgreifend verändert wie das Ruhrgebiet. Der ehemalige Kohle- und Stahlstandort gilt als Musterbeispiel für die Transformation von Industrielandschaften und macht heute mit lebendigen Kreativquartieren von sich reden. Seit der Kulturhauptstadt RUHR.2010 fördert das Land Nordrhein-Westfalen mit dem Programm Kreativ.Quartiere Ruhr des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft die kulturelle und kreative Entwicklung dieser lebenswerten Viertel – bisher realisiert von der ecce – european centre for creative economy GmbH. Zum Start in das Jahr 2026 übernahm der Regionalverband Ruhr (RVR) diese Aufgabe und verantwortet das etablierte Landesprogramm nun im Rahmen der Regionalen Kulturstrategie Ruhr. Zehn ausgewählte Kreativquartiere mit insgesamt 35 Projekten werden 2026 im Ruhrgebiet gefördert. Und die Ausschreibung für das neue Förderjahr 2027 läuft bereits.
Projektleiterin Nathalie Schraven steht den Kulturschaffenden beratend zur Seite und schafft beispielsweise mit der Organisation von Netzwerktreffen Raum für Austausch und Begegnung. Sie ist von der Leistungsfähigkeit der Stadtviertel überzeugt: „Die Kultur und Kreativszene im Ruhrgebiet verfügt über ein enormes Potenzial, Entwicklungsprozesse anzustoßen, die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte miteinander verbinden. Wenn wir diese Kräfte gezielt unterstützen und vernetzen, entstehen Synergien, die die Quartiere nachhaltig transformieren können." Förderfähig sind künstlerische Projekte aus den Bereichen Kunst, Literatur, Musik, Film, Medien, Architektur und Design sowie die Umsetzung von Kommunikationsmaßnahmen, die die Sichtbarkeit der Viertel und ihre interne Vernetzung stärken. Finanzielle Unterstützung kann zudem für künstlerische und kreative Produktionsorte beantragt werden, darunter Ateliergemeinschaften und Co-Working-Spaces.
MEHR SICHTBARKEIT
Zu den geförderten zehn Kreativ.Quartieren gehört das Lindenviertel in Unna. Namensgebend ist die ehemalige Lindenbrauerei, die nach dem Ende der Produktion in den 1970er-Jahren in ein soziokulturelles Kultur- und Kommunikationszentrum umgewandelt wurde. „Das Engagement kam damals vor allem aus der Bürgerschaft. Dieser Geist ist erhalten geblieben: Kultur ist im Lindenviertel ganz tief verwurzelt. Die Verbundenheit der Kreativen vor Ort ist groß und alles im Viertel ist fußläufig zu erreichen“, betont Felix Maxim Eller die Besonderheiten. Der 34-Jährige stellt seit 2025 als Quartiersmanager die Verbindung zwischen der freien Szene, der Stadt und den Institutionen im Lindenviertel her. Er sieht sich selbst als Möglichmacher, bringt Menschen miteinander ins Gespräch, schafft Synergien und hilft auch ganz pragmatisch beim Ausfüllen von Förderanträgen. Das Viertel habe alles darangesetzt, Teil des Netzwerks der Kreativ.Quartiere Ruhr zu werden. „Mit Hilfe des Förderprogramms konnten wir zunächst eine Struktur aufbauen, mit der sich das Quartier managen lässt. In einem nächsten Schritt wollen wir jetzt mehr Sichtbarkeit und neue Chancen herausarbeiten“, erzählt Felix Maxim Eller. Als Beispiele nennt er einen Kinospot über das Viertel sowie den erfolgreichen Start des Projekts „Live.Laugh.Loft“: Im vergangenen Jahr als Livepodcast mit Publikum gestartet, hat sich das Format in eine moderne Kulturshow weiterentwickelt
und geht 2026 als neues Projekt in die Förderung.
FÖRDERUNG FÜR ZEHN QUARTIERE
Aber auch in den anderen geförderten Quartieren tut sich was: Im Bochumer Viktoria.Quartier bereitet der Cypher 44 e. V. unter dem Titel „Improve Yourself“ ein internationales Festival zu urbanem Tanz vor. Im Dortmunder Unionviertel beschäftigt sich das interdisziplinäre Kunstprojekt „Polyphonia – Stimmen der Stadt“ des Flur Kollektivs in Form eines Film-Essays mit der Frage, welche Stimmen im urbanen Raum gehört werden und welche nicht. In Duisburg Ruhrort erinnert die Kreativquartier Ruhrort UG mit dem Projekt „60 Jahre im Rhein – was der Wal uns sagt“ mit literarischen Schiffstouren an das Auftauchen eines weißen Wals im Rhein. Zudem erhalten auch das Wittener Wiesenviertel, Gelsenkirchen Ückendorf, Essen City.Nord, Hamm.Mitte, Hagen Wehringhausen und Oberhausen.Mitte in 2026 eine Förderung im Rahmen von Kreativ.Quartiere Ruhr. Die kreative Kraft der Region ist noch lange nicht ausgeschöpft.
Autorin: Heike Reinhold
Erschienen in: Metropole. Das Magazin für das Ruhrgebiet. 1/2026
