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Kreativszene als Motor für lebendige Stadtentwicklung

Ein Gespräch mit Projektleiterin Nathalie Schraven.

Welche Ziele verfolgt das Förderprogramm Kreativ.Quartiere Ruhr?

Ziel des Förderprogramms Kreativ.Quartiere Ruhr ist es, Kunst- und Kulturprojekte, kreative Produktionsorte sowie kommunikative Vorhaben in den Quartieren zu stärken und dadurch langfristige Strukturen aufzubauen, die die künstlerische Arbeit vor Ort nachhaltig unterstützen. Kulturschaffende und Kreative erhalten die Möglichkeit, Leerstände zu nutzen, Kulturlabore zu entwickeln, gemeinschaftliche Produktionsorte zu schaffen oder Co‑Working‑Spaces einzurichten. So entstehen Labore für Experimente, Orte für gemeinsames Arbeiten und Formate, die Menschen zusammenbringen – von Ausstellungen und Performances bis hin zu kulinarischen Aktionen. Die Projekte regen nicht nur die Kreativen und Kulturschaffenden vor Ort, sondern auch Bewohnerinnen und Bewohner dazu an, ihre Umgebung aktiv mitzugestalten und so die Lebensqualität und touristische Attraktivität des Quartiers gemeinsam zu steigern.  

Zum Jahresbeginn hat es einen Trägerwechsel gegeben: Der Regionalverband Ruhr (RVR) ist jetzt für die Umsetzung des Programms zuständig. Die Kontinuität wird aber dennoch beibehalten?

Ja, absolut. Seit dem Beginn des Förderprogramms 2011 wurden über 100 kulturelle und künstlerische Projekte in 16 Kreativ.Quartieren in 14 Ruhrgebietsstädten erfolgreich umgesetzt. Seinen Ursprung hat Kreativ.Quartiere Ruhr in der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010. Bis zum 31. Dezember 2025 lag die Umsetzung des Förderprogramms bei der ecce – european centre for creative economy GmbH. Seit dem 1. Januar 2026 hat der Regionalverband Ruhr diese Aufgabe im Rahmen der Regionalen Kulturstrategie Ruhr übernommen und führt die Betreuung des Programms fort.

Nathalie, du bist als Projektleiterin beim RVR für das Förderprogramm zuständig. Wie genau unterstützt du die Kulturschaffenden in ihrer Arbeit?

Ich stehe Künstlerinnen und Künstlern und natürlich auch den Kulturschaffenden beratend zur Seite: Oft beginnt alles mit einer ersten Idee, die noch geschärft und weiterentwickelt werden muss. Gemeinsam sprechen wir darüber, wie daraus ein tragfähiges Konzept werden kann, das inhaltlich überzeugt und finanziell realisierbar ist. Am Ende steht dann eine Projektskizze, die sowohl künstlerisch als auch fördertechnisch stimmig ist. Ein weiterer wichtiger Teil meiner Arbeit ist es, Räume zu schaffen, in denen Menschen aus der Szene miteinander ins Gespräch kommen können. Unsere Netzwerktreffen sind dafür ein ganz besonderer Rahmen: Hier begegnen sich Künstlerinnen und Künstler, Initiativen, Vereine und Quartiersakteure auf Augenhöhe, tauschen Erfahrungen aus, knüpfen neue Kontakte und entwickeln manchmal sogar spontan gemeinsame Ideen weiter.

Das nächste Netzwerktreffen findet zum Beispiel am 21. April in der Quartiershalle der KoFabrik im Bochumer Viktoria.Quartier statt – ein wichtiger Ort im Quartier, der mit einem offenen Mitmachkonzept gestaltet ist und dadurch wie dafür gemacht ist, gemeinsam neue Ideen auszutüfteln. 

Die Förderung ist ein wichtiges Stichwort. Wie viele Projekte werden aktuell gefördert und wann startet die nächste Förderrunde?

Zehn ausgewählte Kreativ.Quartiere mit insgesamt 35 Projekten werden 2026 im Ruhrgebiet gefördert. Dazu gehören: Bochum Viktoria.Quartier, City Nord.Essen, Dortmund Unionviertel, Duisburg Ruhrort, Gelsenkirchen Ückendorf, Hagen Wehringhausen, Hamm.Mitte, Oberhausen.Mitte, Unna Lindenviertel, Witten Wiesenviertel.

Und die Ausschreibung für das neue Förderjahr 2027 läuft bereits. Hier könnt ihr euch noch bis zum 30. Juni bewerben. Nur bitte nicht vergessen: Eine vorherige Beratung ist verpflichtend!

Wer hat denn die Möglichkeit, sich für die Förderung zu bewerben und welche Kriterien müssen erfüllt sein?

Bewerben können sich sowohl private als auch öffentliche Akteurinnen und Akteure aus allen künstlerischen und kreativen Bereichen vom Verein über eine GbR bis hin zu einzelnen Künstlerinnen und Künstlern. Inhaltlich ist das Spektrum bewusst breit angelegt: Bildende und Darstellende Kunst, Literatur, Musik, Film, Medien, Architektur oder Design können ebenso vertreten sein wie interdisziplinäre Ansätze. Voraussetzung ist, dass die Projekte direkt in einem der zehn Kreativ.Quartiere wirken. Die Vorhaben sollen Impulse für die Entwicklung des Quartiers setzen, auf die lokalen Gegebenheiten eingehen, Kooperationen mit Bewohnerinnen und Akteuren vor Ort einbeziehen, Vernetzung fördern und zur langfristigen Quartiersentwicklung beitragen. In ihrer künstlerischen und kreativen Gestaltung sind die Beteiligten dabei vollkommen frei.

Das klingt alles nach viel Arbeit! Warum machst du den Job als Projektleiterin?

Weil ich fest vom enormen Potenzial der Kultur- und Kreativszene im Ruhrgebiet überzeugt bin. Sie ist für mich einer der wichtigsten Motoren für eine lebendige, vielfältige und zukunftsorientierte Stadtentwicklung. Wenn wir kreative Menschen unterstützen, vernetzen und ihnen Raum geben, entstehen Impulse, die ganze Quartiere verändern können. Genau diese Entwicklung mitzugestalten und zu sehen, motiviert mich jeden Tag. Mich bereichert die Arbeit auch auf ganz persönlicher Ebene – durch die Projekte lerne ich eine Menge toller Menschen kennen, die nur so vor Ideen sprudeln. Dadurch entdecke ich immer wieder selbst spannende Möglichkeiten und lerne die Quartiere aus neuen Perspektiven kennen.

Kannst du ein paar Beispiele nennen?

Ein tolles Beispiel für ganzheitliche Quartiersarbeit ist das Wittener Wiesenviertel. Dort setzten sich die Kreativ- und Kulturschaffende regelmäßig zusammen und überlegen, welche Impulse gerade besonders gebraucht werden. Dadurch sprechen sie immer wieder die unterschiedlichsten Zielgruppen an. Ein schönes Projekt ist „Wilma tanzt“ vom B63 – Zentrum für Stadtkultur. Das Format richtet sich an Menschen ab 65 Jahren, die gemeinsam Tanzabende gestalten. Eine Gruppe, die im öffentlichen Kulturleben oft wenig sichtbar ist, bekommt hier Raum, Präsenz und eine eigene Bühne.

Ein weiteres inspirierendes Projekt findet sich im Dortmunder Unionviertel: „Polyphonia – Stimmen der Stadt“ des Flur Kollektivs. Das interdisziplinäre Kunstprojekt geht der Frage nach, welche Stimmen im urbanen Raum gehört werden – und welche nicht. Der Begriff „Polyphonia“, ursprünglich aus der Musik, steht für Vielstimmigkeit und dient als Bild für die Vielfalt urbaner Perspektiven. Im Zentrum des Projekts stehen ein dokumentarischer Film-Essay, eine mobile Interviewstation und ein QR-basierter Soundwalk – ich bin schon sehr gespannt, wie es dann in der Umsetzung aussieht.

Ich könnte hier noch viele weitere Beispiele nennen – jedes einzelne Projekt bringt seine eigene Energie, Handschrift und Wirkung in das Quartier. Genau diese Vielfalt macht Kreativ.Quartiere Ruhr so besonders. Wir freuen uns auf jeden Fall auf die vielen spannenden Projekte in der Förderrunde 2026, die ihr hier ansehen könnt und hoffen natürlich auf viele Einreichungen für die Förderrunde 2027!

 

Interview: RVR/Heike Reinold, Original zu finden auf kulturinfo.ruhr.

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